Vor 156 Jahren: Das 2. Deutsche Turnfest 1861 in Berlin.

 

 

Berlin ist 2017 zum fünften Mal Austragungsort eines Deutschen Turnfestes. Die Organisatoren rechnen mit 70.000 aktiven Teilnehmern, die in der 1. Juniwoche an die Spree kommen wollen. Seit 2005 wird zu ‚Internationalen‘ Deutschen Turnfesten eingeladen.

 

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Werbetafel für das IDTF 2017

 

 

In einem Blick in die Geschichte erinnern wir uns an das ‚2. Allgemeine Deutsche Turnfest‘ in Berlin vor 156 Jahren. Es fand vom 10. bis 12. August 1861 statt.

 

 

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Das Schauturnen in Moabit am 11. August 1861

(Neuruppiner Bilderbogen)

 

 

Von Coburg nach Berlin

Mit einem „Ruf zur Sammlung“ hat die Geschichte der Turnfeste 1860 in Coburg begonnen. Die Turner Theodor Georgii aus Esslingen, Carl Kallenberg aus Stuttgart und Dr. Ferdinand Goetz aus Leipzig hatten für Juni 1860 zu einem gemeinsamen Fest nach Franken eingeladen und ein begeistertes Echo aus den Turnvereinen der deutschen Bundesstaaten und Fürstentümer erhalten. Die Turner waren neben den Schützen und Sängern die größten Bürgervereinigungen, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 den Gedanken der „Einheit der Deutschen“ hochhielten und sie mit den schwarz-rot-goldenen Farben verbanden. Das Coburger Turnfest wurde ein großer Erfolg. Die Gründung eines Bundes der Turnvereine über Grenzen hinaus war aber noch nicht möglich, zu groß waren neben juristischen Hindernissen die politischen Unterschiede zwischen Liberalen und Konservativen, Demokraten und Königstreuen in den einzelnen deutschen Ländern.

Der Einheitsgedanke und das erfolgreiche Beisammensein in Coburg lösten den Wunsch nach weiteren Turnfesten aus. So bereitete man für 1861 ein Turnfest in Nürnberg vor und war enttäuscht, als die bayrische Regierung ein ‚deutsches‘ Turnfest ablehnte.

Theodor Georgii, der Vorsitzende des Turnfestausschusses, reagierte hoch erfreut auf den Vorschlag des Berliner Turnrates, sich zur 50-Jahrfeier des Turnplatzes in der Hasenheide in Berlin zu treffen und die Grundsteinlegung eines Denkmals für Turnvater Jahn mit einem Turnfest zu verbinden. Er hatte bereits beim Turntag in Coburg – dem demokratischen Parlament der Turner – ausgeführt: „Wenn Berlin einladet, so werden wir kommen“.

So lud der Vorsitzende des Berliner Turnrates, Dr. Eduard Angerstein, am 18. Februar 1861 die Turnvereine für August 1861 zum „2. Allgemeinen Deutschen Turnfest“ in die preußische Hauptstadt ein. Einladungen gingen auch nach Skandinavien, Österreich, Italien, in die Schweiz und nach Nordamerika.

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Das Festabzeichen von Berlin 1861

 

Sollen sie die Fahnen nehmen, die sie wollen. gez. Wilhelm.“

Im Gegensatz zu Bayern war Preußen trotz anfänglicher Widerstände letztlich sehr interessiert an einem Treffen der Turner aus den deutschen Staaten und dem Ausland in Berlin. Es wollte seine Toleranz und Weltoffenheit öffentlich zeigen. König Wilhelm war allerdings nach einem gerade überlebten Attentat vorsichtig und erkundete erst einmal die Lage. Ein Schreiben seiner Privatkanzlei an das Innenministerium in Berlin ist erhalten geblieben: „S.M. der König habe in Erfahrung gebracht, dass in nächster Zeit in Berlin ein Turnfest stattfinden wird. Seine Majestät wollen, dass, wenn diese Versammlung zusammenkommt, es durchaus nicht gestattet sein soll, in dem etwaigen Zuge oder desgleichen deutsche Fahnen zu führen, sondern nur preußische oder aber Fahnen der Städte und Provinzen, welchen die Turner angehören.“ Als nicht gleich geantwortet wurde, schickte Wilhelm ein Telegramm aus seinem Kurort Baden-Baden nach Berlin: „Ich verlange sofort Bericht über das mir von keiner Seite angezeigte Turnerfest in Berlin, von dem alle Zeitungen schon Details geben.“ Innenminister Graf von Schwerin und Polizeipräsident von Winter beruhigten den König und versicherten ihm, dass nicht schwarz-rot-gold, sondern die schwarz-weißen preußischen Fahnen, die rot-weißen der Turner und die der Bundesstaaten das Fest dominieren würden. Der König war zufrieden und telegrafierte: „Mögen sie die Fahnen nehmen, die sie wollen. gez. Wilhelm“. Gleichzeitig genehmigte er die Grundsteinlegung eines Jahn-Denkmals und stellte dafür einen Platz in der Hasenheide zur Verfügung.

 

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Aufruf in der Deutschen Turnzeitung

 

Vorbereitung und Turnfestbegeisterung

Der Berliner Turnrat konnte nun auch offiziell mit der Vorbereitung des Festes beginnen und die dafür benötigten Ausschüsse einsetzen, so für Verpflegung, Quartier, Festzug, Schauturnen, Turntag, Kulturelles, Ausschmückung und natürlich Finanzen. Letzterer trat mit einem erfolgreichen Spendenaufruf an die Öffentlichkeit. Es gingen Geld- und Sachspenden ein, kostenlose Privatquartiere in großer Zahl wurden gemeldet und eine Fülle von Dienstleistungen Berliner Firmen und Handwerksbetriebe angekündigt. Die privaten und staatlichen Eisenbahngesellschaften gewährten Fahrpreisermäßigungen und beteiligten sich an der Werbung für das Turnfest. Überraschend sagte auch der der immer knausrige Magistrat einen Zuschuss von 2.000 Talern an den Festkosten zu und forderte die Schulen auf, mit Lehrern und Schülern am Turnfest teilzunehmen. Außerdem wurden 200 Turngeräte für das Schauturnen bereitgestellt. Nicht kooperativ war das vom Adel dominierte preußische Kriegsministerium, das eine Nutzung von Exerzierplätzen für das Turnfest ablehnte. Aber auch hier packten die Turner selbst mit an und schafften für die Aufstellung der Festzüge und das Schauturnen geeignete Ersatzplätze.

Das Festprogramm wurde in der Deutschen Turnzeitung rechtzeitig veröffentlicht. Vorbild war der Ablauf des Coburger Turnfestes mit Empfang der Gäste am Vorabend, dem Festzug und Schauturnen sowie dem Turntag. In Berlin kam die Grundsteinlegung in der Hasenheide hinzu. Als Beigabe gab es Vorführungen der Feuerwehr nach Ende des Turnfestes. Das Programm wurde in deutschen und ausländischen Zeitungen veröffentlicht. Auch die Bevölkerung wurde mit einem Aufruf „An das geehrte Berliner Publikum“ auf das bevorstehende Fest der Turner eingestimmt. Damit in einer Großstadt mit 500.000 Einwohnern ein Turnfest überhaupt bemerkt wurde, plante man zwei große Festzüge, die von der Mitte Berlins in den Süden und Westen führen sollten. In den Zeitungen erschienen Aufrufe an den „Großstadtpöbel“, die Veranstaltungen des Turnfestes und die Festzüge nicht zu stören. Die Polizei war sowieso angewiesen, alles genau zu beobachten und Berichte zu schreiben.

 

Das Fest der viertausend Aktiven

Das Echo auf die Einladung und die Ausschreibungen war für damalige Verhältnisse riesengroß: 1.700 Turner aus 262 Städten und Ortschaften hatten ihre Teilnahme zugesagt. Hinzu kamen 1.200 Turner aus den Berliner Vereinen und 1.000 Schüler aus den staatlichen und privaten Schulen der Hauptstadt. Delegationen aus Österreich und Abgesandte ausländischer Turnvereine hatten sich angemeldet. Auch einige Turner aus Nordamerika hatten trotz des amerikanischen Bürgerkriegs den weiten Weg nach Berlin angetreten.

Das Turnfest begann am 9. August mit dem Empfang der Gäste an den Berliner Bahnhöfen durch Mitglieder des Festkomitees. Die Festunterlagen und die Quartierscheine wurden in den Festsälen der ‚Walhalla‘, eines mehrstöckigen Saalbaus an der Charlottenstraße ausgegeben. Festabzeichen war ein schwarz-rot-goldenes Band, Mitglieder der Festkomitees, Ehrengäste, Vorturner und Riegenführer trugen unterschiedliche Festschleifen. Der Festbeitrag betrug einheitlich 1 Taler.

Am Abend begrüßten Dr. Eduard Angerstein und Berlins Bürgermeister Heinrich-Philipp Hedemann die Gäste aus aller Welt. Auch der Jahn-Gefährte Prof. Hans Friedrich Maßmann ergriff das Wort. Der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung, die Berliner Lehrerschaft, die Schützen- und Handwerkervereine hatten ihre Vertreter zum Empfang entsandt. Einige Abordnungen brachten bereits Steine und Gedenkplatten für das geplante Jahn-Denkmal mit, die unter großem Jubel übergeben wurden. Ein gewisser Herr Siemens stellte seine ersten Experimente für eine Straßenbeleuchtung vor und zündete auf dem Festplatz vor der Walhalla ein batteriebetriebenes „elektrisches Licht“ an. Seine Telegrafengesellschaft Siemens & Halske befand sich gegenüber. Das bunte Treiben der Angekommenen und die Begrüßung immer neuer Gäste gingen bis in die Nachtstunden. Die Gäste wurden von ihren Quartiergebern abgeholt oder erhielten genaue Wegbeschreibungen durch die Helfer.

 

Grundsteinlegung in der Hasenheide

Die Grundsteinlegung für ein Jahn-Denkmal stand auf dem Programm des ersten Festtages. Am frühen Sonnabendmorgen sammelten sich die Turner vor Schäfers Festsälen in der Albrechtstraße zum Festzug in die Hasenheide. Der Zug setzte sich um 9 Uhr in Bewegung. Angeführt wurde er von der Schutzmannschaft und dem Polizeipräsidenten zu Pferd, gefolgt von einem Musikkorps. Die Berliner Turnerschaft präsentierte ihr neues, in den preußischen und deutschen Farben gesticktes Banner, gefolgt von den Mitgliedern des Festausschusses mit rot-weißen Schärpen, den Vertretern des Freistaates Preußen, dem Magistrat der Stadt Berlin und den Stadtverordneten in Festtagskleidung mit Zylinder. Der Bürgermeister und die Deputierten trugen ihre Amtsketten. Dann folgten in vier Zügen die Teilnehmer aus den Turnvereinen der Bundesstaaten, beginnend im Süden bis zum hohen Norden und den ausländischen Turnern. Jeder Zug hatte sein Musikkorps. Am Schluss marschierten die Schüler der Berliner Schulen. Insgesamt eine ansehnliche Zahl von 4.000 weiß gekleideten Turnern.

Der Zug ging durch die mit Girlanden und Wimpelketten überzogenen Straßen vorbei an den festlich mit Fahnen und frischem Grün geschmückten Häusern und einer begeisterten Bevölkerung. Ein dichtes Spalier von Hüte schwenkenden Männern und mit Tüchern winkenden Frauen. Dazu die Blumensträuße werfenden Jungen und Mädchen, die Straßenschilder und Laternen erklommen hatten. Ein buntes Bild auch in den einzelnen Abordnungen der Bundesstaaten, die Fahnen, Jahnbüsten und Transparente ihrer Heimatorte mitführten. Auch britische Fahnen waren zu sehen. Zu Ehren der Kronprinzessin, der ältesten Tochter von Queen Victoria. Die Fahnen des durch Dänemark und Österreich besetzten Schleswig-Holsteins waren mit Trauerflor versehen. Großen Jubel gab es in der Pionierstraße vor dem Hallischen Thor, als die kleine Zahl der amerikanischen Turner mit zwei Sternenbannern hinzukam und sich an die Spitze des 1. Zuges setzte. Auch die Wiener Turner mit ihrem schwarz-rot-goldenen Banner wurden begrüßt. Sie hatten ihre neue Fahne kurz vor dem Turnfest in der Ostsee bei Stettin feierlich getauft (was später ein Zeremoniell der völkischen Turnbewegung werden sollte).

Gegen 10.30 Uhr war der Festzug vom Bellealliance-Platz aus in der Hasenheide eingetroffen. Auf einer der unteren Terrassen wurde der Grundstein für das geplante Denkmal gelegt. Die in großer Zahl gehaltenen Reden der Vertreter aus Regierung und Bildungswesen sind überliefert, auch die von der Polizei mitgeschriebenen Passagen zur einst von Jahn geforderten Einheit der Deutschen. Die Weiherede hielt der Belziger Turnpfarrer Albert Baur, der gemeinsam mit seinem Cousin Franz Lieber zu den frühen Turnern der Hasenheide gehört hatte und mit Jahn verwandt war. Gemeinsame Lieder, Musikbeiträge und vaterländische Gedichte gehörten zum Programm.

Um 1 Uhr waren die in einer Metallkassette gesammelten Schriften Jahns, Urkunden, Münzen und Tageszeitungen im Grundstein eingemauert. Danach zogen die Turner geordnet am Landwehrkanal entlang über die Potsdamer Brücke zum Mittagessen in das Kroll’sche Etablissement und die Gaststätte ‚In den Zelten‘ im Tiergarten.

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Zeitgenössische Grafik vom Deutschen Turnfest 1861

 

Zum Picknick nach Spandau bei Berlin

Am Hamburger Bahnhof wartete am Nachmittag ein Sonderzug nach Spandau. Böllerschüsse begrüßten die Turner am Bahnhof der Havelstadt, die Schützengilde und die Spandauer Turner reihten sich ein. Vor dem Rathaus wurden die Turner durch den Bürgermeister und die Stadtverwaltung begrüßt, weiter ging es dann zum Ufer der Havel. Mit 100 geschmückten Kähnen wurde zur Insel Pichelswerder übergesetzt. Mit einem Picknick im Wald, bei kalten Speisen und einigen herbeigerollten Fässern Bier, wurden der Nachmittag und Abend verbracht. Spät ging es zurück. Die Presse berichtete von Kähnen, die bei der Rückfahrt wegen Überladung kenterten und einigen Turnern ein kühles Bad bescherten. Zu Fuß ging es durch den Grunewald und Charlottenburg weiter nach Berlin, wo die Quartiergeber warteten.

 

Durch das Brandenburger Tor zum Schauturnen

Am Sonntagvormittag, dem Geburtstag des Turnvaters, war Zeit zum Ausruhen oder der Teilnahme an Programmen des Kulturausschusses, dem Besuch von Ausstellungen und Museen oder gemeinsamen Stadtbesichtigungen mit den Gastgeberfamilien. Um 2 Uhr nachmittags formierte sich in der Albrechtstraße der zweite, noch größere Festzug in Richtung Turnplatz Moabit. Turner aus Stettin und Leipzig waren hinzugekommen, außerdem die Kinder der Berliner Waisenhäuser mit ihrem Musikorchester. Die Berliner hatten einen freien Sonntag und standen zu Zehntausenden am Straßenrand oder warfen den Turnern von Balkonen und Fenstern Blumensträuße zu.

Der Festzug ging durch die Karlstraße, Friedrichstraße und Oranienburger Straße über den Monbijouplatz und die Herkulesbrücke vorbei an festlich geschmückten Häusern. Über den Lustgarten bog er in die Prachtstraße Unter den Linden ein. Einige Residenzen und Paläste der Vermögenden und Adelsfamilien zeigten sich ungeschmückt grau in grau, was von der Presse lebhaft kritisiert wurde. Die Turnbewegung war bei den herrschenden Schichten noch nicht angekommen, diese bevorzugten Reiten, Jagdgesellschaften und Pferderennen. Sportarten für die Eliten – english sports – hielten erst 20 Jahre später Einzug in die Hauptstadt. 

Durch das Brandenburger Tor bewegte sich der Festzug dann über den Großen Stern zum Charlottenburger Tor nach Moabit, der 1861 zu Berlin hinzugekommenen Ortschaft. Der Moabiter Turnverein hatte ein großes geschmücktes Tor mit dem Willkommensgruß „Den deutschen Brüdern – der Turnverein GutsMuths“ an der Ortsgrenze errichtet. Dort wurden die Turner von Musikorchestern, Kinderchören und Abordnungen der Moabiter Schützen, Sänger und Handwerkszünfte begrüßt. Auch Harald GutsMuths, der Sohn des Turnpädagogen und Jahn-Vorgängers, war zur Begrüßung erschienen. 30 Jungfrauen in weißen Kleidern mit roten Schärpen übergaben den Turnern Blumen und Kränze. Der Verein hatte den Turnplatz am Schützenplatz hergerichtet, ein Rechteck von 400 x 80 Metern mit überdachter Tribüne für 1.500 Gäste. Bis zu 40.000 Zuschauer fanden auf aufgeschütteten Erdwällen Platz. Die mitgebrachten Fahnen und 137 Vereinsbanner wurden in turnerischer Marschordnung um das Rednerpult aufgestellt, dahinter standen die 200 aus den Schulen herbeigeschafften Turngeräte. Die Musik spielte.

Mit dem Lied „Herbei, herbei, du Deutsche Turnerschaft, herbei am vaterländischen Freudentage“ wurde das Schauturnen eingeleitet. Dr. Eduard Angerstein hielt die Eröffnungsrede und übergab nach einem munteren ‚Gut Heil‘ die Leitung an Oberturnwart H.A. Kluge für die Festgymnastik. 4.000 Turner traten in langen Reihen an, auf Armlänge voneinander getrennt. Turnlehrer Kluge stand auf einem Podest und turnte die einfachen, vorher nicht bekanntgegebenen Freiübungen vor, die Schar der 4.000 Turner in Weiß folgte ihm. Fanfaren eröffneten das Riegenturnen von jeweils 20 Turnern an den Geräten. Unter dem Beifall der Zuschauer folgte nach 30 Minuten mit einem munteren Turnerlied der Riegenwechsel zum nächsten Gerät. Ein Kürturnen, jeder konnte seine eigenen ‚Kunststücke‘ machen, beendete das Schauturnen. Die Deutsche Turnzeitung berichtete in zwei Folgen über das Schauturnen und die gezeigten Übungen.

Kurz vor Eintritt der Dunkelheit schloss Theodor Georgii den zweiten Festtag mit einem Dank an die Berliner. Danach ging es zu Fuß und in tiefer Dunkelheit durch den Tiergarten zum Gartenrestaurant Odeum. Die Berliner Behörden hatten die Bau- und Pflasterarbeiten am Hauptweg nicht rechtzeitig beendet und ihn gesperrt. (Eine noch heute verbreitete ‚Berliner Krankheit‘) So mussten die Turner auf Nebenwegen durch Schlamm und Gestrüpp ihr Ziel erreichen. Dr. Ferdinand Goetz lobte hinterher in humorvollen Worten die Berliner, mit denen man bei Turnfesten durch Dick und Dünn gehen könne. Noch mehrere Stunden blieben die Turner bei Speis und Trank zusammen. Ihre Lieder und Vorträge schallten durch den Tiergarten.

 

Das Parlament der Turner

Am dritten Festtag, dem 12. August, wurde der ‚Deutsche Turntag‘ im Festzentrum der Walhalla eröffnet. 416 stimmberechtigte Delegierte vertraten die Interessen von 42.000 Vereinsmitgliedern der deutschen Turnvereine. 24 schriftliche und mehrere mündliche Anträge mussten beraten werden.

Dr. Angerstein und Theodor Georgii leiteten den parlamentarischen Teil. Mit stürmischen Beifall und einem dreifachen ‚Hoch‘ wurde ein Schreiben des Kronprinzen an die Turner beantwortet. Friedrich Wilhelm weilte mit seiner Familie in Osborne House auf der Insel Wight, dem Sommersitz seiner Schwiegereltern, und grüßte herzlich die Turnfestteilnehmer und sprach den Organisatoren seinen Dank aus. Weitere Grußbotschaften wurden verlesen.

Auf der Tagesordnung standen Resolutionen an die Regierung von Preußen, die leiblichen Übungen mit den geistigen gleichzusetzen und das in den Schulen praktizierte schwedische Turnen zu verwerfen. Auch die Förderung des Mädchenturnens wurde beraten. Große Brisanz beinhalteten Anträge zur Gründung eines Deutschen Turnerbundes und die Aufforderung an die Turnvereine, sich von der Politik fernzuhalten. Die Gründung eines gemeinsamen Turnerbundes wurde mit 941 zu 467 Stimmen abgelehnt, die Zeit dafür war noch nicht reif. Das lag auch an den Vereinsgesetzen in Hessen und Sachsen, die einen Anschluss an deutsche Verbände verboten. Wenigstens einigte man sich auf einen Ausschuss, der sich für einen gemeinsamen Bund einsetzen sollte. Auch für die Errichtung des Jahn-Denkmals gab es einen Ausschuss. Ein Delegierter aus Rheinhessen schlug erfolglos vor, die Sammlung für das Jahn-Denkmal durch eine solche für den Bau eines Kriegsschiffes mit dem Namen ‚Turnvater Jahn‘ zu ersetzen. Alles wurde stenografisch festgehalten, die Wortprotokolle fanden sich später als Anlage zum Turnfestbericht wieder. Darin steht, dass der Turntag mit einem ‚dreifachen Gut Heil‘ beendet wurde.

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Bericht über das Turn- und Jubelfest 1861

 

Kultureller Ausklang und Abschiednehmen

Nach dem Turntag waren die auswärtigen Gäste zu einer Festaufführung im Victoria-Theater in der Münzstraße eingeladen. Nach der Egmont Ouverture von Beethoven, dem Auftritt verschiedener Chöre und Rezitatoren wurden ‚lebende Bilder‘ aus der preußischen Geschichte gezeigt. Die mit Jahn und den Lützowern verbundenen Befreiungskriege standen verständlicherweise im Vordergrund. Gemeinsam wurden patriotische Lieder gesungen, das von Maßmann geschriebene und noch heute gesungene Lied „Im Dorfe Lanz bei Lenzen“ wurde uraufgeführt. Ein gemeinsamer Abend im weitläufigen Park des Theaters beendete den offiziellen Teil des Turnfestes. Es wurde Abschied von den Quartiergebern und den Organisatoren genommen, Adressen wurden ausgetauscht und gegenseitige Besuche vereinbart. Auch die Ehrengäste aus Staat und Magistrat waren erschienen. Die Damen des Moabiter Turnvereins und die mit schwarz-rot-goldenen Bändern geschmückten Mitglieder des Berliner Mädchenturnvereins brachten Farbe in den Abschlussabend. Mädchen turnten in Berlin zwar seit den dreißiger Jahren, Frauen kamen erst 1880 hinzu, die Turnfeste waren aber bis dahin ‚männlich‘. Wer noch in der Stadt blieb, konnte am nächsten Tag den Vorführungen und Übungen der mit den Turnvereinen verbundenen königlichen Feuerwehr beiwohnen und abends noch einmal im Admiralsgarten mit Freunden und Gastgebern beisammen sein.

Die sonst zurückhaltend und vorsichtig formulierende Presse der Hauptstadt war über den Besuch der Turner und den Ablauf des Festes begeistert. In der ‚Preußischen Allgemeinen Zeitung‘ war zu lesen: „Das war ein echtes und rechtes Volksfest, auf das wir heute mit herzlicher Freude und Dank zurückblicken“. Lothar Bucher begann seinen Bericht in der ‚Nationalzeitung‘ mit dem Satz: „Wir haben in den Hauptstädten Europas viele Feste gesehen, nie ein ähnliches, nie ist ein solches Fest gefeiert worden, seit Griechenland unterging.“

 

Lothar Bucher in der „National-Zeitung“ vom 12. August 1861

 

„Wir haben in den Hauptstädten Europas viele Feste gesehen, nie ein ähnliches, nie haben wir von einem ähnlichen in diesen Zeiten gehört oder gelesen; nie – wir schreiben die Worte mit Bedacht – ist ein solches Fest gefeiert worden, seit Griechenland unterging. Nie seitdem sind diese materiellen Hilfsmittel und diese günstigen Momente vereinigt gewesen. Es war das Fest einer großen Stadt, – das bewiesen, wenn nichts anderes, die 200 Turngeräte, von Berliner Schulen her geliehen; das Fest der Bürgerschaft, die ihre Behörden entsandt, der Regierung, die durch den Minister des Innern vertreten war, der Einwohnerschaft, die, ein lebendiger Rahmen, das Ganze umgab. Das Fest einer Bevölkerung, die sich selbst regieren, selbst Ordnung zu halten weiß, ein Fest des Vertrauens zwischen der preußischen Regierung und dem preußischen Volk; ein Fest froher, guter, strebender, sinniger Menschen; ein Fest körperlicher und geistiger Vervollkommnung, ein Fest der Humanität, ein Fest der Verbrüderung von mannigfach gearteten Stämmen, ein Fest des deutschen Volkes; ein Fest, das in demselben Augenblicke rings um die Erde gefeiert wird, wo Deutsche beieinander wohnen. – Ehre denen, die es erdacht und ausgeführt.“

 

 

Ein schweres Jahrhundert für die Einheit

Der Erfolg des Berliner Turnfestes und die Beschlüsse des Turntages führten Schritt für Schritt zur Einheit der Turner. Nächster Höhepunkt war das 3. Deutsche Turnfest in Leipzig 1863. 1868 konnte dann in Weimar endlich die Deutsche Turnerschaft gegründet werden. Zuvor gab es die Kriege gegen Dänemark und Österreich im Streit um Schleswig-Holstein. Die Einweihung des Jahn-Denkmals in der Hasenheide gelang erst 1872 nach dem Krieg gegen Frankreich und der Reichsgründung. Aus dem preußischen König von 1861 war jetzt der deutsche Kaiser Wilhelm I geworden.

Es war ein langer, nicht gerade friedlicher Weg zur Einheit der Turnbewegung nach dem Berliner Turnfest von 1861. Er sollte durch politische Ereignisse und zwei Weltkriege, das Aufkommen des Sports, der Spaltung des Arbeitersports und des Austritts der antisemitischen Turner Österreichs sowie der reinlichen Scheidung zwischen Turnen und Sport und schließlich der Gleichschaltung im NS-Sport und der Nachkriegswirren zwischen Ost und West noch mehrmals unterbrochen werden. Die für Berlin ‚turnfestlose‘ Zeit endete im Jahr 1968 mitten im Kalten Krieg. Das Turnfest von 1987 war Programm eines noch getrennt gefeierten 750-jährigen Stadtjubiläums. Die friedliche Revolution vereinte dann die Turner und Turnerinnen beim Deutschen Turnfest 2005 und gab den Anstoß für zukünftige Internationale Deutsche Turnfeste. Wir können uns auf 2017 freuen.

 

Manfred Nippe

 

 

Literatur

Angerstein/Bär; Gedenkbuch an das 2. Allgemeine deutsche Turn- und Jubelfest zu Berlin, Verlag von Ernst Bär, Zwickau (1861)

Deutsche Turnzeitung; Das Deutsche Turnfest in Berlin, Nr. 30, 33, 35 und 36, Leipzig (1861)

Neuendorff; Geschichte der neueren deutschen Leibesübung, Band III und IV, Limpert-Verlag, Dresden (1936)

Neumann; Deutsche Turnfeste – Spiegelbild der deutschen Turnbewegung, Limpert-Verlag, Frankfurt/Main (1985)

Nippe; Das Deutsche Turnfest Berlin 1861, in ‚Berliner Turnzeitung‘ Nr. 6, Berlin (1968)

Ohmann; Turnvater Jahn und die deutschen Turnfeste, Sutton-Verlag, Erfurt (2008)

Steins; Olympische Spiele vor dem Hallischen Thore, Sporthistorische Blätter 6, Berlin (1995)

 

Fotos: Archiv des Landessportbundes Berlin

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