Jahn und die Vereinigten Staaten von Amerika

 

„Das Land jenseits der großen Pfütze gleicht der Höhle des Löwen, wo die Fußtapfen hinein, aber nicht wieder heraus gehen.“

Zu den Widersprüchlichkeiten in der Person des Prof. Dr. h.c. Friedrich Ludwig Jahn gehört sein Verhalten gegenüber Auswanderern und Ausländern, das immer wieder von Polemik und Zorn geprägt war. Er verdammte, karikierte und brüskierte; das betraf besonders das Mutterland der Französischen Revolution und auch die Vereinigten Staaten von Amerika als ‚das Land jenseits der großen Pfütze’.

Das Zitat stammt aus einem Brief Jahns an seinen Freund und Mitherausgeber der „Deutschen Turnkunst“ Ernst Eiselen vom 16. März 1837, geschrieben drei Jahre vor der Aufhebung der ‚Turnsperre’ und dem Ende der Demagogenverfolgung in Preußen. Jahn bezieht sich auf einen seiner bekanntesten Schüler und Vorturner der Hasenheide, Franz Lieber (genannt ‚Ziethen’), als Gymnasiast Teilnehmer der Freiheitskriege und wie Jahn 1819 inhaftiert und zeitweise von preußischen Universitäten ausgeschlossen, der nach seiner Promotion in Jena und Halle über Griechenland, Rom und London 1827 nach Neu England emigrierte. Lieber verehrte Jahn. Bei einer Hausdurchsuchung wurden seine handschriftlichen Notizen über dessen Vorträge in Berlin und Breslau sowie dessen Worte auf dem Turnplatz oder bei gemeinsamen Turnfahrten gefunden und im sich endlos hinziehenden Jahn-Prozess gegen beide verwandt. Der Berliner Kammergerichtsrat und ‚Dichterjurist’ E.T.A. Hoffmann konnte in umfangreichen Verhörprotokollen und Schriftsätzen letztendlich die Anschuldigungen gegen Jahn und Lieber entkräften. Jahn erkundigte sich immer wieder nach dem Verbleib Liebers, eines Cousins seiner zweiten Frau Emilie. Als ihm dessen Professur an der Universität von South Carolina bekannt wurde, schrieb er am 18. Januar 1839 bissig  an den Landgerichtsdirektor Ulrich: „Von Franz Lieber weiß ich nur, dass er aus dem freien Neu-England nach dem amerikanischen Polen zu den Sklavenhaltern gezogen, wo doch über kurz oder lang die Weißen vertilgt werden.“  Lieber zog es von Boston über Philadelphia für 20 Jahre in den Süden der USA,  aber er hatte mit den ‚Sklavenhalterstaaten’ nichts im Sinn. Auf Seiten der Union war er im Kriegsministerium tätig und wurde dann Professor an der Columbia Universität in New York, hochgeehrt als Jurist (Verfasser der Encyclopedia Americana und des ‚Lieber Code’ über Militär- und Völkerrecht) und juristischer Berater von Präsident Abraham Lincoln.

 

Lieber kam allerdings, da hatte Jahn recht, aus der ‚Höhle des Löwen’ nicht zurück.  Nach Aufhebung der Turnsperre besuchte er 1844/45 und dann noch einmal 1848 auf zwei längeren Europareisen  auch seine Familie und Freunde in Preußen. Ein Angebot des Königs für eine Professur an der Berliner Universität lehnte er ab. Jahn traf er 1848 als Abgeordneten des Frankfurter Parlaments und hatte sich inhaltlich längst von dessen Ansichten verabschiedet.

 

 

 

 

 

Jahns Ruf an die Harvard Universität

 

Wenden wir uns von Franz Lieber wieder dem Turnvater zu. Der Schein trügt, dass Jahn mit den Vereinigten Staaten, die er so gern glossierte, nichts zu tun haben wollte. Ganz im Gegenteil, in seinen persönlich schwersten Jahren hatte er selbst an Auswanderung gedacht. Seine Lage schien ausweglos: seit 1819 mehrjährige Festungshaft, der Tod zweier Kinder, dann 1823 der nie verschmerzte Tod seiner Frau Helene. Hinzu kamen hohe Schulden durch die Haft und den jahrelangen Prozess, schließlich die 1825 erfolgte Neu-Vermählung und die Sorgen um seinen Sohn aus erster Ehe und das Wohlergehen der nachgeborenen Tochter. Tiefe Niedergeschlagenheit lösten bei Jahn der erst 1825 erfolgte Freispruch und die gleichzeitig verfügte lebenslängliche Verbannung unter Polizeiaufsicht aus. Unter diesen Bedingungen war die Auswanderung für ihn die einzig nahe liegende Alternative, die ihm auch von seinen Freunden dringend empfohlen wurde.

 

Die medizinische Fakultät der Harvard Universität in Cambridge suchte 1825 einen Professor für „Turnen“ und deutsche Sprache. Aus den Universitätsakten ist bekannt, dass nicht irgendeiner, sondern der Beste dafür ausgewählt werden sollte. So kam man auf Friedrich Ludwig Jahn und nahm mit ihm über Mittelsmänner Kontakt auf.

 

Jahn war nicht abgeneigt und schrieb am 18. Januar 1826 an die Universität: „ Jeder, der dazu genötigt wurde mit anzusehen, wie die Werke, die er selbst errichtet hat, von anderen zerstört wurden, würde zweifelsohne, sobald er die nötigen Mittel aufbringen könnte, mit Freude an ihrer Wiederherstellung arbeiten. Jeder, der als Entdecker oder Erfinder seine Verbesserungen seinem eigenen Land zuerst anbietet und zurückgewiesen wird, muss sich anderswo bewerben. Letztlich mag sich jeder, der in seinem eigenen Land zu Untätigkeit und zum Arbeitsverzicht genötigt ist, um nicht eine edle Pflicht zu verachten, in den Dienst der Menschen stellen. Es gibt daher keinen Grund zu zögern, was das Angebot betrifft.“

 

Dass es nicht zu einer Verpflichtung Jahns kam, lag am Kleingedruckten, den zwischen den Partnern noch abzumachenden Punkten. Die Forderungen Jahns waren für Harvard „exorbitant“. So ein zur Schuldentilgung erbetenes Jahresgehalt von 2000 Dollar, weiter eine lebenslange Pension von 1000 Dollar, eine Rente von 300 Dollar im Todesfall für seine Frau und dann die besten Möglichkeiten und Muße, um sinnvoll und angenehm arbeiten zu können, verbunden mit dem Wunsch, nach ein paar Jahren ohne Sorge oder Ärger anständig zu leben. Schließlich seine Wünsche nach einer in der Universität verbleibenden Bibliothek im Wert von mindestens 3000 Dollar für die Unterrichtung der deutschen Sprache und die Anstellung von vier wissenschaftlichen Assistenten für die Unterrichtung der Turnkunst, damit diese nicht erlahmt oder vernachlässigt wird, wenn ‚ein Paar Augen durch den Tod geschlossen werden’. Die Turnkunst sollte nicht sparsam, sondern mit Geist Erfolg haben und tiefe Wurzeln schlagen.

 

Als Erfinder der Turnkunst erwartete der selbstbewusste Jahn von Amerika, dass man ihm den roten Teppich ausrollt und seine für damalige Zeiten sicher hohen Forderungen erfüllt. Mit den Dollars waren wahrscheinlich preußische Taler (0,74 Cent) gemeint. Es kam allein aus finanziellen Gründen nicht zur Anstellung des Turnvaters. Schade, es gehört sicher einige Phantasie dazu, sich heute Jahn als Staatsbürger der USA mit deutschem Migrationshintergrund vorzustellen. Der ‚junge Jahn’, freiheitlich-liberal, volksnah demokratisch hätte ganz gut zu Harvard und Amerika gepasst. Weniger der spätere, verbitterte, monarchistische und chauvinistische ‚alte Jahn’.

 

Jahns böse „Briefe an Auswanderer“

 

Man hat in der Jahn-Forschung bezweifelt, ob er diese Auswanderung ernstlich erwogen hat. Insbesondere nach Erscheinen seiner „Briefe an Auswanderer“ im Jahr 1833, in denen er Auswanderung als Verrat an der Heimat geißelte und den Auswanderern drastisch die Meinung sagte: „Auswanderung, sich in ein fremd Volk unterstecken, hat immer bei mir nächst dem Selbstmord gestanden, hart an der Selbstvernichtung des Lebens und Liebens“.  „Es ist eine kleinmeisterliche Erbärmlichkeit, nur an sich denken, nie an das Gemeinwohl. Es ist echter Gaunersinn, nur sich, immer nur sich, zuerst sich und zuletzt sich im Kopfe zu haben.“  Ursache dieses maßlosen Verdikts war die aus wirtschaftlichen Gründen erfolgte Auswanderung von 130 im Umfeld von Kölleda lebenden Bürgern, die Jahn empörte: „… eine ganze Schiffsladung Auswanderer aus einer Stadt konnte mich nur erzürnen.“  Ihm war bewusst, dass er durch ‚sein Wort keinen zurückrufen  noch zurückhalten’  könne, er ‚klage aus der Seele des verlassenen Vaterlandes’ und wolle erreichen, dass ‚die Sache endlich die Aufmerksamkeit der siebenschläferigen Behörden auf sich ziehe’, so schreibt er am 31. Oktober 1833 an seinen Freund Mützell.  Die neun Briefe erschienen im „Weißensee’r allgemeinen Unterhaltungsblatt“, einer kleinen Provinzzeitung mit nur regionaler Bedeutung. Sie führten dazu, dass einige erboste Auswanderer die Fensterscheiben seines Hauses einwarfen und so öffentlich gegen ihn protestierten.

 

 

Auswanderung als Selbstverbannung und Flucht

 

Es gibt weitere Belege dafür, dass Jahns Polemiken von 1833 und der ihm nachgesagte Hass auf Amerika mehr seiner sich ständig verändernden Gemütslage als grundsätzlichen Einsichten und Lebenskonzepten entsprachen.

 

Bereits aus dem Zwangsaufenthalt in Kolberg – Jahn nannte es ‚Quälberg’ – schrieb er am 12. Januar 1822 an Edmund Dürre: „Nebenbei beschäftigt mich die Lösung der Aufgabe ‚Über Recht und Pflicht der Vaterlandsfreunde, sich zu gewissen Zeitläufen selbst aus dem Vaterlande zu verbannen’. Darum sind die Erdviertel geschiedene Vesten, wo die einzelnen Lande sich wohlgemarkt sondern, damit der menschliche Geist aus böser Zeitläufe Winterstarre in ein hell und heiter Sommerland entschweben, und des kommenden Frühlingslenzen erharren möge…“.  Jahn deutet damit seine eigene ‚Winterstarre’ und die Möglichkeit einer ‚Selbstverbannung’ an.

 

Weiter wandte sich Jahn schon zwei Jahre vor der Veröffentlichung der „Briefe an Auswanderer“ am 20. September 1831 aus Kölleda an einen unbekannten Freund: „Ich lebe hier als geborener Altpreuße unter polizeilicher Aufsicht altsächsischer Beamter. Dies gehört auch zu den Widersprüchen. Eins ist Unrecht: Entweder, dass ich ein Jahresgehalt beziehe, oder unter polizeilicher Aufsicht stehe. Nun gibt es noch ein Amerika …“

 

Auch im Zusammenhang mit der Verweigerung des Eisernen Kreuzes von 1813 schrieb Jahn am 7. Februar 1838 – also nach der Herausgabe seiner ‚Briefe’ – an Wilhelm Lübeck über sein wiederholtes Bemühen bei der Ordens-Commission: „…dass ich glaube, das Eiserne Kreuz verdient zu haben, und auch späterhin desselben nicht unwürdig geworden zu sein. Schlägt das nicht an; so bleibt eine Vorstellung an Se. Majestät. Verfehlt die auch Ihren Zweck: Verlangen nach einem Kriegs- und Ehrengericht. Und reißen alle Fäden; so steht Ehre höher als Gut – und die Welt ist groß.“  Sein Urenkel Friedrich Quehl merkt 1918 zu diesem Schlusssatz ‚- und die Welt ist groß’  an, dass Jahn wegen gekränkter Ehre im Freundes- und Familienkreis auch erwog, nach Griechenland auszuwandern. Er war von dem erfolgreichen Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken begeistert, wobei er  sicher nicht unbedingt einen bayrischen Prinzen statt eines preußischen auf dem griechischen Thron gesehen hätte.

 

Später verdrängte und idealisierte Jahn seine eigenen USA-Auswanderungspläne von 1825 und schrieb 1843 nach Aufhebung des Zwangsaufenthalts und der Polizeiaufsicht in einem Brief an die Frankfurter Turngemeinde ‚Zum Neuen Jahre 1844’ stolz: „Wäre ich dem Ruf des umsternten Adlers nach Cambridge in Massachusetts gefolgt, so möchten die Herren von Sonst, Bleibe und Rückwärts siegprahlend gemährt haben: Nun ist er fort! Beizeiten hat er sich gedrückt, eben als wir den Umtreiber endlich fassen konnten! So durften die Jahre zwischen Jena und Leipzig nicht geschmäht werden.“  Jahn erinnert sich seiner Taten als Freiheitskämpfer und heroisiert sich als Märtyrer, der allen Widrigkeiten zum Trotz im Land geblieben ist.

 

Dass eine Auswanderung auch im persönlichen Umfeld Jahns kein Tabuthema war, zeigt ein anderer Nachweis: Seinen Sohn aus erster Ehe, Arnold Siegfried, drängte er förmlich zur Emigration in die Vereinigten Staaten, nachdem dessen berufliches Scheitern ihn jahrzehntelang verärgert und auch finanziell überfordert hatte. In einem Brief an Wilhelm Lübeck vom 1. Juli 1852 berichtete er von auswanderungswilligen Nachbarn und fügte in Anspielung auf seinen Sohn hinzu: „Aber einer, der fort sollte, längst drüben sein müsste, zögert und zaudert. Wer hier alles verloren, dem verdenke ich nicht, dass er dort Glück und Gold sucht, zumahl wenn er im Vaterland nichts zu verantworten hat.“  Arnold Siegfried zauderte nicht lange, zwei Wochen vor Jahns Tod 1852 wanderte er in die USA aus. Er hat dort sein Glück gefunden und ist nie  zurückgekehrt. Seine Nachfahren – darunter auch Turnlehrer und Turnlehrerinnen – kamen 1928 zum Deutschen Turnfest nach Köln und waren bei der Einweihung des Jahn-Denkmals durch Oberbürgermeister Konrad Adenauer dabei. Weitere Familienangehörige besuchten 1999 die Jahnstätten, trafen sich mit Nachkommen seiner Tochter Sieglinde aus Deutschland und waren Ehrengäste des Deutschen Turnfestes in Leipzig 2000.

 

 

Drei Jahn-Jünger als USA-Turnpioniere

 

Das turnerische Leben in Amerika ging auch ohne Jahn weiter. Dass die Harvard Universität weiterhin an Jahn dachte, zeigt ein Versuch von 1826, Jahn noch einmal in die USA zu holen und mit der Leitung eines öffentlichen Turnplatzes und der Gründung einer Schwimmschule im benachbarten Boston zu beauftragen. Jahn lehnte aus persönlichen Gründen, der Betreuung seiner kranken Mutter, dankend ab und hielt sich auch als zu alt für ein neues Unternehmen. Er stellte sich als großen Bewunderer Amerikas dar und sprach die Hoffnung aus, die Staaten einmal besuchen zu können. Die erneut einsetzenden polizeilichen Untersuchungen ließ er unerwähnt. Für die Leitung empfahl er den im Eingangszitat beschriebenen Franz Lieber, der 1827 diese Stelle antrat. Franz Lieber gehört damit neben zwei anderen Emigranten, Karl Follen und Karl Beck, zu den drei Begründern des Turnens in den Vereinigten Staaten. Karl Follen, früherer Anführer der Giessener Schwarzen (s.a. Beitrag von Norbert Gissel im Jahn-Report vom Dezember 2010) und aus Preußen ausgewiesen, kam über die Schweiz und Frankreich in die USA und  übernahm 1825 für drei Jahre die Jahn angebotene Stelle als Dozent für Turnen und Deutsch und leitete vorübergehend auch den Bostoner Turnplatz. Danach war er bis 1835 in Harvard Professor für Kirchengeschichte und Ethik. Karl Beck studierte in Berlin und war Vorturner auf der Hasenheide, er schloss sich in Tübingen den Burschenturnern an und wurde nach den ‚Karlsbader Beschlüssen’ verfolgt und ausgewiesen. 1825 wanderte er mit Karl Follen in die USA aus. Fünf Jahre arbeitete er als Turnlehrer an der Round Hill School Northampton und begründete das amerikanische Schulturnen. Auch er ging 1837 als Professor an die Harvard Universität und trat danach in den Staatsdienst ein. 1827 erschien seine Übersetzung von Jahns „Deutscher Turnkunst“ ins Englische „A Treatise on Gymnastics“, angereichert durch neu gezeichnete Turntafeln – viele Jahre neben der englischen Ausgabe der „Gymnastik für die Jugend“ von GutsMuths ein Standardwerk für die Turnlehrerausbildung und die Entwicklung des Schul- und Hochschulsports sowie Vereinsturnens. Das Wirken dieser drei Turnpioniere ist eine eigene spannende Geschichte, nachzulesen in den wissenschaftlichen Arbeiten von Horst Ueberhorst (1979) und Anette R. Hofmann (2001). Die Lebensläufe der drei Jahn-Jünger Francis Lieber, Charles Follen und Charles Beck sind auch bei ‚US-Wikipedia’ im Internet zu finden.

 

 

Pro und Kontra Jahn in den Vereinigten Staaten

 

Der eigentliche Beginn des öffentlichen Turnens und die Gründung von Turnvereinen in den USA wurden durch den Emigrantenschub der ‚Achtundvierziger’ ausgelöst. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 gründeten politisch Verfolgte und Freidenker in den folgenden 20 Jahren 40 Turnvereine. Die ersten entstanden von 1848 bis 1852 in Cincinnati, Boston, Philadelphia, Louisville und New York. Allerdings waren die Meinungen über Jahn zwischen den ‚politischen’  und den ‚nur’ Turnern geteilt.  Die republikanisch-sozialistischen Turner aus Süddeutschland warfen ihm seine anti-revolutionäre Haltung, seine Deutschtümelei und Polemik gegen Franzosen, Polen, Juden und Jesuiten vor, während die anderen den ‚Turnvater’ der Hasenheide und Freiheitskriege hochhielten. Immerhin wurden seit der Grundsteinlegung von 1861 bis zur Einweihung des Jahn-Denkmals in der Berliner Hasenheide im Jahre 1872 acht Steinblöcke aus den Vereinigten Staaten nach Berlin gesandt. Sie kamen aus New York, Pensylvania, Ohio, Illinois, Missouri, Kansas und Kalifornien. Ein Eisenerzblock trägt die Aufschrift: ‚Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte – Am Tage der Abschaffung der Sklaverei in Missouri am 11. Januar 1864’.

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Lithographie Jahn, Uhland und Arndt

Auch das Bildnis des „Alten im Barte“ war bei vielen Turnvereinen gefragt. Der Gründer des ‚Sozialdemokratischen Turnvereins Baltimore’, der aus Schwäbisch Gmünd stammende und 1852 emigrierte Turnlyriker Johann Straubenmüller hatte ein Jahn-Bild im Gepäck. Er schenkte es dem „Sozialistischen Turnverein New York“, der es fast 120 Jahre später 1968 zum Deutschen Turnfest in Berlin nach Deutschland zurückbrachte. Die 50 x 60 cm große Farblithografie zeigt die Romantiker und Freiheitsdichter Ludwig Uhland und Ernst-Moritz Arndt zusammen mit Friedrich Ludwig Jahn. 1848 zog dieses ‚Dreigespann’ der Freiheitskriege, wenn auch in unterschiedlichen politischen Lagern, als gewählte Abgeordnete in das erste deutsche Parlament in der Frankfurter Paulskirche ein.

 

 

 

Der Nordamerikanische Turnerbund ehrt Jahn

 

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USA-Freundschaftskissen

Die massenhafte Einwanderung von mehr als 3 Millionen Neubürgern aus deutschsprachigen Ländern – ausgelöst durch Landflucht und soziale Umschichtung – führte nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und der 1871 erfolgten (klein-) deutschen Reichsgründung zu einer neuen Jahn-Verehrung und sorgte insgesamt für einen Aufschwung der Turnbewegung. Die Zahl der Turnvereine stieg bis 1891 auf 40.000 Mitglieder in über 300 Vereinen. Jahns Bildnis zierte Denkmäler, Urkunden und Turnkalender und wurde bei den Turnfesten des seit 1851 bestehenden Nordamerikanischen Turnerbundes (NATB) mitgetragen. Die Turnvereine errichteten Turnhallen und Turnplätze, gründeten Fecht-, Schwimm- und Schützenabteilungen, führten das Kinder- und Frauenturnen ein und hielten Kontakt zur alten Heimat, ohne aber das Obrigkeitsdenken und den feudalen Kult im Kaiserreich einschließlich des militärischen Drills – sicher ganz im Sinne Jahns – gutzuheißen. In Sängerriegen und Theatergruppen, Diskussionszirkeln, eigenen Elementarschulen und gut ausgestatteten Turn-Bibliotheken wurden Bildung, Kultur und Geselligkeit als ‚geistiges Turnen’ gepflegt. Die Turnvereine waren neben den deutschen Heimatvereinen die erste Adresse für die Einwanderer auf dem fremden Kontinent. Auch der Turnbetrieb ähnelte dem in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Gymnastik nach GutsMuths, volkstümliches Turnen und Spielen nach Jahn, Schwimmen und Fechten nach Friesen und preußisches Schulturnen nach Spiess wetteiferten mit dem schwedischen Turnen oder den Turntraditionen anderer europäischer Länder, z.B. denen der Tschechen und Polen (Sokol). Während die Freidenker mit den Turnvereinen kooperierten, gründeten sich ab 1869 auch eigene Turngruppen des Christlichen Vereins Junger Männer (YMCA). Nachdem das alte Turnerkreuz der 4 F schon ab 1880 in frisch, frei, treu, stark abgewandelt wurde, kam es auch in den USA zur Abspaltung von Arbeiter-Turnvereinen. Selbst die aus Deutschland bekannten Streitereien zwischen „Turnen“ und „Sport“ spiegelten sich bis ins neue Jahrhundert in den Vereinen des Nordamerikanischen Turnerbundes. Der seit 1825 starke Einfluss der Turnbewegung auf den amerikanischen Schul- und Hochschulsport ging durch die Gründung der ersten Athletik-Clubs und die Verbreitung ‚amerikanischer’ Sportarten wie Basketball, Baseball und American Football Schritt für Schritt verloren.

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Aus Deutsch-Amerikanern werden Amerikaner

 

Die Assimilierung der ehemals Deutschen zu echten Amerikanern ging in den USA schneller als in anderen Ländern vonstatten, beschleunigt durch den 1. Weltkrieg und die Kappung vieler Kontakte zur alten, bald vergessenen Heimat. 1938 nannte sich der NATB in „America Turners“ um. Die Geschichte dieser Jahre einschließlich der Frage, wie sich die von der NS-Politik bis 1945 umworbenen „Auslandsdeutschen“ verhalten haben, ist ein noch unbeschriebenes Blatt der Zeitgeschichte des Sports.

 

Nach 1945 drängten mehr als eine halbe Million deutschsprachiger Auswanderer in die USA und nach Kanada. Sie bescherten den Turnvereinen vorübergehend bis zu 25.000 Mitglieder. 1948 feierten die American Turners ihr hundertjähriges Bestehen, eine Sonderbriefmarke der US-Post erinnert daran. Bei den ab 1953 veranstalteten Deutschen Turnfesten (der Bundesrepublik) und im Zeichen des ‚Kalten Krieges’ waren die „American Turners“ und die Delegationen anderer Nationen gern gesehene Gäste. Austauschprogramme wurden vereinbart, die Nationalriegen besuchten die Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien, Brasilien und Chile. 1962 traten die „American Turners“ das olympische Kunstturnen an den neuen Dachverband „American Gymnastics“ ab. Im Jahr 2011 bestehen in den USA noch 54 Vereine der American Turners mit annähernd 10.000 Mitgliedern (aktuelle Homepage). In den Vereinen wird überwiegend Breiten- und Familiensport sowie Geselligkeit betrieben. Also volkstümliche Leibesübungen und soziales Miteinander, so wie es am Anfang auf dem Turnplatz in der Hasenheide, dem „ersten pädagogisch betreuten Abenteuerspielplatz“ der Welt, auf dem Programm stand. Vater Jahn würde es erfreuen.

 

 

Die Turner im Kollektiven Gedächtnis der USA

 

Der Name des Turnvaters findet sich in den Vereinigten Staaten noch in Lexika, Festschriften der Vereine und Verbände sowie in den Chroniken und Dissertationen der Hochschulen. Jahn-Gedenksteine gibt es in Cincinnati und St. Louis. Einige Bilder und Büsten Jahns sind vereinzelt in Turnerheimen zu finden, die 1925 gegründete Stiftung für Kultur und Bildung der American Turners trägt noch heute seinen Namen. Mehr nicht. Im Kollektiven Gedächtnis der Vereinigten Staaten sind dagegen die von den Turnern im Bürgerkrieg – vornehmlich auf Seiten der Union – gebildeten Regimenter (Turner Rifles) fest verankert. Die Namen der deutschstämmigen Bürgerkriegskommandeure und Generäle wie Friedrich Hecker, Franz Sigel, August Willich und Carl Schurz stehen in den amerikanischen Schulbüchern genauso wie der Hinweis auf die von Turnern gestellte Leibgarde zur Inauguration von Präsident Abraham Lincoln. Die Harvard Universität erinnerte 1996 an den 200. Geburtstag von Karl Follen und wies darauf hin, dass er 1832 als Erster einen Weihnachtsbaum in seinem Haus in New England aufstellte. Ganz nebenbei wurden auch seine Verdienste um die Einführung des Turnens im Jahre 1825 erwähnt (Harvard-Gazette vom 12.12.1996). Ist das nichts?

 

 

Neues Nachdenken über Jahn und die Hasenheide notwendig

 

Die Bundesregierung hat 1978 zum 200. Geburtstag Jahns über ‚Inter Nationes’ und die auswärtige Kulturpolitik eine 120-seitige, illustrierte Monographie „F.L. Jahn 1779/1979“ in deutscher und englischer Sprache herausgegeben und über die Botschaften, Goethe-Institute und die Deutsche Welle im Ausland vertrieben. Autor war Horst Ueberhorst. Seitdem herrscht in der Politik Ruhe in Sachen Jahn und Hasenheide. Für die Bundesregierung hat ‚in der auswärtigen Kulturpolitik Vorrang die Förderung der nicht-deutschen Mehrheiten, weniger die der deutschen Minoritäten’.

 

Seit 1872 steht der bronzene Jahn in der Berliner Hasenheide auf einem Sockel von 150 einst aus aller Welt gespendeten Steinblöcken. Wenn diese Steine reden könnten, würden wir nicht nur etwas über das Turnen in den USA erfahren. Die weltweite Geschichte der Turnbewegung und der Jahn-Rezeption in Kanada, Südamerika, Australien und Afrika ist noch nicht geschrieben. 1978 wurde beim internationalen Jahn-Symposium dazu ein erster Schritt gemacht, dem leider keine weiteren folgten. Nach der deutschen Einheit ist dafür jetzt Zeit und schließlich sind die Deutschen Turnfeste seit Berlin 2005 auch ‚international’. Ein Grund mehr, über das Werk der Hasenheide von 1811 und Friedrich Ludwig Jahn gemeinsam neu nachzudenken.

 

Der Versuch, ein Berliner Ausstellungsvorhaben mit der internationalen und außenpolitischen Bedeutung der Hasenheide 2011 zu verbinden, wurde im Dezember 2010 sowohl vom Auswärtigen Amt als auch dem Senat von Berlin abgelehnt. Wir sollten uns einen Ruck geben und mit dafür sorgen, dass die Zeitgeschichte des Sports mehr Beachtung an unseren Hochschulen und durch die Politik bekommt. Zum Beispiel, indem wir Sportgeschichten wie diese erzählen und öffentlich machen.

 

Das ist eine große Chance und Herausforderung für die Jahn-Gesellschaft als ehrenamtlicher Bürgerinitiative.

 

 

 

 

Literatur

 

Euler, Karl: Das Jahndenkmal in der Hasenhaide bei Berlin, Leipzig, 1874.

Euler, Karl: Friedrich Ludwig Jahns Werke. 3 Bände, Hof, 1887.

Geldbach, Erich: Jahn – Professor in Harvard?, Deutsches Turnen Nr. 120 v. 28.8.1975.

Geldbach, Erich: The Beginning of German Gymnastics inAmerica. Journal of Sport History, Ausgabe 3, 1976.

Hofmann, Annette R.: Turnerism is Americanism – 150 Jahre deutsch-amerikanische Turnvereine, Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, Heft 3/1998.

Hofmann, Annette R.: Aufstieg und Niedergang des deutschen Turnens in den USA, Schorndorf, 2001

Hofmann, Annette R. (Hsg.): Turnen and Sport – Transatlantic Transfers, Münster, 2004

Meyer, Wolfgang: Die Briefe F.L. Jahns, Leipzig, 1913 und Dresden, 1928

Nippe, Manfred: Ein Rundgang durch die Hasenheide mit Besuch des Jahn-Denkmals, 2009 (www.manfred-nippe.de).

Quehl, Friedrich: Briefe von Friedrich Ludwig Jahn, Leipzig, 1918.

Ueberhorst, Horst: Turner unterm Sternenbanner, München, 1978

Ueberhorst, Horst: Friedrich Ludwig Jahn 1778-1978, Bonn-Bad Godesberg, 1978

Ulfkotte, Josef: Briefe von Friedrich Ludwig und Emilie Jahn an Wilhelm Lübeck 1835 – 1876, Berlin, 2010

 

 

 

 

 

 

Eine Antwort zu “Jahn und die Vereinigten Staaten von Amerika”

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