Sportjugend in den Geschichtsbüchern: Flaggenhissung am 2./3. Oktober 1990 vor dem Reichstag in Berlin

 

 

 

 

 

Als einer der Höhepunkte der „Wiedervereinigungsfeier“ in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 wurde um Null Uhr unter dem vom Schöneberger Rathaus übertragenen Läuten der Freiheitsglocke die Bundesflagge vor dem Reichstag aufgezogen. Ein wahrhaft historisches Ereignis, dem Hunderttausende beiwohnten, das in alle Welt übertragen wurde und in den Geschichtsbüchern mit 14 Jugendlichen aus West und Ost verbunden bleibt, die diesen ersten offiziellen ‚Staatsakt’ im wieder vereinten Deutschland vornehmen durften. Es waren junge Sportler und Sportlerinnen aus den ehemals getrennten Stadtteilen West- und Ostberlins, die von der Jugendorganisation des Landessportbundes Berlin im Auftrage des Bundesinnenministeriums ausgewählt wurden.

 

Innerhalb weniger Tage wurde die Fahnendelegation im Jugendsekretariat der Sportjugend in Zusammenarbeit mit Berliner Sportvereinen zusammengestellt. Dazu gehörten auch mehrere Aktive der früheren elitären „DTSB-Sportwerbegruppe“, die  gerade die neue „Sportschau“ des SC Berlin gegründet hatten und aus den Sportarten Turnen, Sportakrobatik, Fechten, Kunstradfahren und Tischtennis kamen. Aus dem Westteil der Stadt waren die Sportarten Turnen, Tanzen, Fußball und Volleyball vertreten. Zwei Tischtennisspieler und eine Turnerin aus dem Ostteil mussten ersetzt werden, weil die Eltern bzw. der Trainer Einspruch erhoben: Ein Vater lehnte es telefonisch ab, „dass seine Tochter für diesen Staat die Fahne hochziehen solle“, während die anderen davon ausgingen, es „würde die olympische Fahne gehisst“. Die Trainerin der Sportschau sorgte schnell für Ersatz.

 

Die damalige Vorsitzende der Sportjugend Berlin, Sylvia Tromsdorf, bezeichnete die Mitwirkung der jungen Sportler und Sportlerinnen für eine „ehrenvollen Auftrag und ein bleibendes Erlebnis für ihr ganzes Leben“. Für die 14 Jugendlichen wurde die Nacht der Deutschen Einheit unvergesslich. Nach nur einer Generalprobe und einer am Wochenende zuvor erfolgten „Einkleidung“ bei C & A trugen sie im lila-schwarzen Dress die 6 x 10 Meter große Bundesflagge (heute im ‚Haus der Geschichte’) um Mitternacht auf den Platz der Republik und hissten sie am Fahnenmast. Den Text der Nationalhymne hatte ihnen der Arbeitsstab ‚Staatsakt’ vorsichtshalber auf einem Spickzettel mitgegeben. Bundespräsident Richard von Weizsäcker nahm ihnen das Lampenfieber und schickte sie mit einem Klaps auf dem Rücken in die Menge: „Ihr macht das schon“.

Staatsakt 1990 (6)Staatsakt 1990 (4)

Die Einkleidung der Jugendlichen in einem Berliner Kaufhaus

 

 

Hier die Namen der  14 Sportjugendlichen aus West und Ost:

 

Sven Armbrust, Bettina Berg, Janet Bert, Ingolf Blumowski,

Martin Hartmann, Sonja Kalitz, Stefan Klein, Holger Kohn,

Alexander Klotzbücher, Anke Thiem, Robert Voigt, Jaenette

Waldau (verh. Prammer), Sandra Waldau, Katrin Weidensdorfer.

 

Zum ‚Zehnjährigen’ der Wiedervereinigungsfeier hat das Magazin FOCUS im Jahr 2000 ein Wiedersehen der Fahnenträger in Berlin veranstaltet und aus ihrem Leben im vereinten Deutschland berichtet (Focus 41/2000). Dreizehn von ihnen kamen in die Hauptstadt, in deren Umkreis die meisten von ihnen noch wohnen und arbeiten. Sie tauschten sich über Ausbildung, Studium, beruflichen Werdegang und inzwischen erfolgte Familiengründungen aus, suchten sich auf einer mit Thomas Gottschalk aufgenommenen Fotografie  und versprachen, sich noch öfter auch privat zu treffen. Ihre Wünsche und Zukunftshoffnungen haben sich nach den damaligen Aussagen überwiegend erfüllt, der Focus überschrieb seine Reportage mit „Die Hoffnungsträger“.

 

20 Jahre später wird man sich ihrer wieder erinnern. Martin Hartmann, Vizepräsident des Berliner Turn- und Freizeitsportbundes, stellte sich in einem Interview (Sport in Berlin, Oktober 2010) den Fragen „Was war vor 20 Jahren?“, Friedrich Mevert nahm im DOSB-Pressedienst vom Oktober 2010 die Fahnenzeremonie in seine Serie “Auf dem Weg zur Einheit des Sports“ auf. Mehrere der damaligen Jugendlichen sind weiterhin im Sport aktiv oder ehrenamtlich tätig, sie allen haben ihren Kindern und Enkeln noch viel vom Jahr 1990 und ihrer Mitwirkung am Tag der Deutschen Einheit zu erzählen.

 

 

 

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