Sportgeschichte(n) aus „Sport in Berlin“.

Sport in Berlin vom Mai/Juni 2019

Vor 70 Jahren:

Der Vereinssport löst den Kommunalsport ab

Der 30. März 1949 ist in die Chronik des Landessportbundes Berlin „als Geburtsstunde des freien Sports in der um ihre Freiheit kämpfenden Stadt“ eingegangen. Am Abend hatten sich Vertreter der kommunalen Sportgruppen und Fachsparten sowie der bisher von den Alliierten zugelassenen Sportvereine in der „Taberna“, der unzerstört gebliebenen Mensa der Technischen Universität in der Hardenbergstraße, getroffen. Annähernd 1000 Sportler und Sportlerinnen waren der Einladung des Magistrats der Westsektoren gefolgt.

Der Magistrat hatte in einem 10-Punkte-Programm zum 31. März die Auflösung aller Sportgruppen und Fachsparten des bisherigen Kommunalsports verfügt. Die Gruppen und Vereine sowie noch zu bildenden Fachverbände konnten sich nun zur Lizenzierung beim Hauptamt für Leibesübungen anmelden. Der innerstädtische Sportverkehr zwischen Ost und West war weiterhin erlaubt, allerdings führte eine eventuelle Registrierung beim Sportausschuss in Ost-Berlin zum Ausschluss jedweder Förderung im Westteil.

Die von den Sowjets im Juni 1948 verhängte „Blockade“ der Westsektoren und die vollzogene Trennung des Magistrats in Ost und West hatten den Berliner Sport in politisches Fahrwasser gebracht. Unterschiedliche Systeme, so die Anbindung des Sports an Betriebe und politische Massenorganisationen im Osten und demgegenüber die Zulassung von unpolitischen Sportvereinen und Verbänden im Westen, standen zur Diskussion. Am 30. März entschieden sich die Sportvertreter für die Bildung eines Stadt-Sportverbandes und beauftragten den von den Anwesenden gewählten Versammlungsleiter Gerhard Schlegel, Vorsitzender des ASV Berlin, mit der Gründung eines vom Staat unabhängigen Dachverbandes. Schlegels Mitstreiter Dr. Werner Ruhemann (BSC) und Arthur Schmitt (SCC) werden uns in der bald 70-jährigen LSB-Geschichte noch begegnen.

Welche Organisationsform der Sportbund haben sollte, war offen. Die satzungsgemäße Verankerung der Sportvereine, Sportverbände und Bezirke sollte bis zum Herbst gelöst werden. Ein Auftrag, der in der Zukunft immer wieder zu Kontroversen und Kampfabstimmungen innerhalb des neuen „Bundes“ führen sollte.

 

Sport in Berlin vom Juli/August 2019

Das Fußball-Toto fördert den Sport

Noch vor der Gründung des Landessportbundes und der Fachverbände hat der Berliner Sport einen großen und verlässlichen Förderer gefunden: Am 21. August 1949 gab es den erster Spieltag des Fußball-Totos. In einer Zwölferwette standen 15 Spielansetzungen zur Auswahl, darunter 11 Fußballvereine aus dem West- und Ostteil der Stadt. Jede Wette kostete 50 Pfennig. Zusätzlich konnte auf den Ausgang eines Spiels „Brandenburg – Mecklenburg“ getippt werden. In einem Preisausschreiben winkten eine Couch, ein Herrenanzug oder Damenmantel sowie ein Fahrrad als Zusatzpreise.

Der Magistrat hatte die Einführung von Sportwetten durch die Fußball-Toto GmbH im April nach einigem Zögern genehmigt. Anbieter von Lotterien und Pferdewetten sahen darin eine Konkurrenz, Politiker aus dem Ostteil der Stadt sprachen von „kapitalistischen Glücksspielen“ – und gründeten vier Jahre später ihre eigene VEB Sport-Toto Gesellschaft.

Innerhalb weniger Wochen entstanden 14 Bezirksstellen und 300 „grüne“ Toto-Annahmeläden“. Paul Rusch, Richard Genthe, Hanne Berndt und Emil Krause von der  Fußballsparte bekamen die ersten Leiterstellen, aber auch der Hockey-Internationale Bolle Mehlitz und der uder-Olympiasieger Walter Volle, der langjährige LSB-Sportreferent, fanden eine Anstellung bei der Toto-GmbH.

In den ersten drei Monaten stieg der Umsatz des Fußball-Totos von 25.000 auf 300.000 DM, der Hauptgewinn lag zwischen 5000 und 50.000 DM. Danach explodierten die Umsätze, Ausschüttungen und Quoten. Die Erfolge waren im Stadtbild sichtbar. Im Krieg zerstörte Sportplätze und Turnhallen wurde wieder aufgebaut und neue Sportstätten entstanden. Das Schloss Glienicke wurde Erholungsheim für der Versehrtensport. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte der Sportförderung, die vor 70 Jahren mit dem Fußball-Toto und der zehn Jahre später erfolgten Vereinigung mit dem Zahlenlotto begann.

Heute ist die Lottostiftung ein treuer Partner des Berliner Sports. Jeweils 25 Prozent der Zweckerträge gehen an den Sport und seit den neunziger Jahren auch an die eigentlich staatlich zu fördernde Jugendarbeit. Unser Wunsch: Nicht innehalten und weiter so.

 

Sport in Berlin vom September/Oktober 2019

1949 kam es auch zur Gründung der „Sportjugend“

Mit der Gründung des Sportverbandes Groß-Berlin am 29. Oktober 1949 schlug auch die Geburtsstunde der Sportjugend als Jugendorganisation des Berliner Sports.

Die Alliierten in den Westsektoren Berlins bestimmten seit 1945 die Kriterien, nach denen Sportvereine und Jugendverbände zugelassen werden durften. Demokratische Strukturen und Wahlen, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung waren nach der NS-Diktatur verbindliche Satzungsinhalte. Jugendverbände und Jugendgruppen sollten von ‚Erwachsenenorganisationen‘ unabhängig und nicht durch diese fremdbestimmt sein. In Bildungsprogrammen – von den Amerikanern Re-Education genannt – und Anordnungen wurde ein „Jugendleben nach eigener Ordnung“ gefordert und gesetzlich festgeschrieben.

Erster Jugendwart des Sportverbandes war Gustav Schulze, der den Aufbau der Sportjugend und die Gründung von Jugendausschüssen in Sportvereinen und dann auch in den Fachverbänden anzuschieben hatte. Er wurde vom Vorstand unterstützt und konnte seit 1950 die ersten Übungs- und Jugendleiterlehrgänge veranstalten, Ferienlager organisieren und Kinder- und Jugendsportfeste fördern. Es ist verständlich, dass sich in der Nachkriegszeit alle Sportorganisationen nach der Auflösung des Kommunalsports ganz besonders um die Jugend bemühten und bei den Eltern um Vertrauen für den Eintritt ihrer Kinder in die Sportvereine warben. Die Sportjugend stand den Mitgliedsorganisationen mit Rat und Tat zur Seite, sie war Mitglied des Jugendherbergsverbandes, der Jugendleiterschulen in Wannsee und am Rupenhorn und Partner der Jugendämter. 1950 wurde das Ferienlager Heiligenhafen/Ostsee erworben und 1952 die erste „Jugendordnung“ der Sportjugend verabschiedet. Die staatliche Anerkennung als Träger der Jugendhilfe wurde erreicht und schließlich nach mehreren Jahren auch die Aufnahme in den Landesjugendring erkämpft.

Heute ist die Sportjugend im vereinten Berlin nicht nur die größte Jugendorganisation der Hauptstadt, sondern mit der von ihr gegründeten ‚Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit‘ sowie des Kindergartenträgers ‚Kinder in Bewegung‘ ein markanter und führender Träger der Jugendhilfe.

 

Sport in Berlin vom November/Dezember 2019

Das Sportmuseum unter dem Glockenturm

In der letzten Ausgabe von „Sport in Berlin“ standen mehrere Jubiläen und Gedenktage im Blickpunkt der Redaktion und erinnerten an Fast-Vergessenes oder Noch-Bestehendes. Gute Themen für Geschichtsbücher und Dokumentarfilme – und ein Sportmuseum.

Das „Sportmuseum Berlin“ gibt es im Olympiapark, bisher allerdings ohne eigene Ausstellungsflächen. Das ändert sich nun. Seit dem 26. August 2019 weist ein Baustellenschild neben der Waldbühne auf den Beginn des langersehnten und seit vielen Jahren geplanten Ausbau des Ausstellungs- und Besucherzentrums für das Museum am Maifeld hin. Das Sportmuseum wird in der zweiten Hälfte 2022 – so Sportsenator Andreas Geisel – einer der wichtigen Besuchermagneten des Berliner Olympiaparks werden. Damit wird ein neuer Geschichtsort des Berliner Sports entstehen. Er wird auch das Werden der Berliner Sportverbände und Sportvereine sowie die Entwicklung der in Berlin begründeten Sportarten in den Fokus nehmen. Natürlich attraktiv, ja digital spektakulär, für alle Altersgruppen der Bevölkerung und Besucher. Auch politisch sensibel, wenn man den Standort einschließlich Langermarckhalle und Glockenturm betrachtet oder sich der Wirren deutscher Geschichte erinnert. Der Sport kann sich auf ein modernes und aktives Museum mit viel Platz für Dauer- und Sonderausstellungen sowie Veranstaltungsflächen freuen. Der LSB Berlin wird sich dort 2024 zur 75-Jahrfeier präsentieren.

 

 

Der Senat hat die Absicht, den Olympiapark weiter auszubauen. Irgendwann werden die von den Briten für ihr Hauptquartier errichteten Zäune verschwinden und wird Berlin sein von Werner March und Heinrich Wiebking-Jürgensmann geplantes Gartendenkmal als Naherholungsgebiet zurückbekommen. Vielleicht fährt dann der frühere Schmetterlingsbus vom Theodor-Heuss-Platz wieder zum Grunewaldturm, und zwar mitten durch den Olympiapark. Keine Vision, sondern ein Auftrag und eine Herausforderung an die Politik.

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