Vor 30 Jahren: Der Staatsakt in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990.

SPORTGESCHICHTE(N)

Es war ein bewegender Moment in ihrem Leben, vor Millionen von Fernsehzuschauern in aller Welt und Hunderttausenden auf dem „Platz der Republik“ in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 die Bundesflagge vor dem Reichstagsgebäude aufzuziehen. 14 junge Sportlerinnen und Sportler aus dem ehemaligen West- und Ostteil Berlins waren für dieses historische Ereignis von der Sportjugend ausgewählt worden. Zehn Jahre später trafen sie sich auf Einladung des Magazins „Focus“ noch einmal für eine Fotostory in Berlin. Titel der siebenseitigen Reportage „Die Hoffnungsträger“. Die jungen Erwachsenen berichteten über ihre persönlichen Erfahrungen im wiedervereinten Deutschland und ließen die Tage um den 3. Oktober noch einmal Revue passieren. Viele lebten noch im Umfeld von Berlin, einige hatten Familien gegründet, arbeiteten als Ärzte, Bankberater, Angestellte und Selbstständige. Mehrere sind heute in Ehrenämtern des Sports zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Anfrage des Bundesinnenministeriums nach jeweils sieben männlichen und weiblichen Jugendlichen aus Ost und West kam 14 Tage vor dem ersten Staatsakt der vereinten Bundesrepublik. Wir sagten zu. Wolfgang Elbing und Kerstin Steinmetz gingen sofort an die Auswahl. Die Jugendlichen kamen aus dem Veranstaltungsdienst und Betreuerteam der Sportjugend sowie der sich gerade zur „Abteilung Sportschau“ des TSC Berlin umorganisierenden früheren DTSB-Sportwerbegruppe. Vertreten waren die Sportarten Tanzen, Turnen, Fechten, Sportakrobatik, Mädchenfußball, Volleyball und Kunstradfahren. Zwei Tischtennisspieler mussten ersetzt werden, weil ihr Trainer vom SV Bau-Union die Teilnahme an einer ‚politischen‘ Veranstaltung verbot. Ein Vater meldete seine Tochter telefonisch ab, „weil sie nicht für diesen Staat die Fahne“ aufziehen solle“. Große Enttäuschung bei ihren Sportfreunden.

Jugendsekretär Wolfgang Elbing hielt den Kontakt zur Arbeitsgruppe Staatsakt im Berliner Bundeshaus, Monika Wegener, Leiterin des Jugendsekretariats, kümmerte sich um die Termine und die Einkleidung der Jugendlichen bei C&A in der Wilmersdorfer Straße. Blazer in Lila, Hemden und Blusen in Weiß, schwarze Hosen bzw. Röcke. Es gab nur wenige Proben auf den Stufen des Reichstagsgebäudes, immerhin hatte die 60 Quadratmeter große Bundesfahne die Größe einer Wohnung und durfte sich „im Ernstfall“ nicht um den Fahnenmast wickeln.

Kurz vor Mitternacht verabschiedete Bundespräsident Richard von Weizsäcker das aufgeregte Flaggenteam mit einem beruhigenden Klaps auf den Rücken und den Worten „Ihr macht das schon“. Unter dem aus Schöneberg übertragenen Geläut der Freiheitsglocke wurde die Fahne vor dem Reichstag wenige Minuten vor Mitternacht aufgezogen. Ein Spickzettel trug den Text der Nationalhymne. Ein Riesenfeuerwerk folgte. Danach traf man sich zum Empfang im Reichstagsgebäude, ein Foto mit Thomas Gottschalk erinnert daran. Am nächsten Tag war das Team Gast des Festaktes in der Philharmonie. Am 20. Dezember, vor dem Zusammentreten des ersten gesamtdeutschen Bundestages, waren die Jugendlichen noch einmal gefragt. Beim Aufzug der „Fahne der Einheit“ am inzwischen errichteten, nachts von vier Scheinwerfern beleuchteten stählernen Fahnenmast auf dem großen bronzenen Sockel mit dem Datum des 3. Oktober 1990. Heute ein nationales Denkmal, für die Beteiligten, ihre Kinder und Enkel ein bewegendes und unvergessenes Erlebnis.

 

SPORTGESCHICHTE(N)

Erstveröffentlichung in “Sport in Berlin”,

Ausgabe 6 – 2020.

Kommentare sind geschlossen.